Fremd in der Sprache

Fremd in der Sprache

Imzuge der Vorbereitung auf „meinen“ Abend. dem letzten einer fünfteiligen Vortragsreihe für Pensionistinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien, schlich sich bei mir ein Gefühl der Zufriedenheit ein – "jetzt wird endlich wieder Deutsch geredet!" Die ersten vier Abende waren ein voller Erfolg gewesen. Nach dem jeweiligen Vortrag über Gesundheit, Ernährung, Bewegung und Kommunikation wurde engagiert diskutiert, auf Serbisch, Bosnisch und Kroatisch. Es konnten zwar  alle Kursteilnehmer Deutsch, vier Akademiker  auf differenzierendem, hohem Niveau. Trotzdem waren offensichtlich alle zufrieden, daß die zwei Stunden Vortrag und die Nebengespräche dazwischen, vor- und nachher in der Muttersprache abliefen.

„Ich übe mich im Status der Minderheit“ antwortete ich lächelnd als mich Ivo am zweiten Abend fragte, wie es mir geht wenn alle serbokroatisch reden. Damals habe ich den Umstand gefühlsmäßig neutral wahrgenommen, interessiert wie es so ist mit dem Nichtsverstehen. Nach dem vierten Abend aber ertappe ich mich bei der verärgerten Feststellung, die können doch alle perfekt deutsch und trotzdem läuft alles (übrigens wie geplant) auf serbisch bzw. kroatisch ab. Wieso hat mich das geärgert – auf einmal ????????

Vermutlich weil zwar alles perfekt war aber ich nicht dazugehörte. „Der Stallgeruch“ stimmte nicht. Die fremde Sprachumgebung nahm mir meine intellektuelle Beweglichkeit, ja sogar meine Identität.

Diesem  Phänomen war ich bislang nur in der Literatur begegnet.

In einem seiner Romane beschreibt Jorge Semprun  die spannend-erotische Begegnung eines Spaniers (mit „russischem Migrationshintergrund“ wie wir heute sagen würden) mit einer jungen Russin in Sotschi. Er liebt seine spanische Frau aber die gemeinsame Muttersprache mit der anderen weckt Erinnerungen, Gefühle, Anmutungen, die er mit seiner Frau nicht teilen kann. 1)

In einem anderen Roman beschreibt Semprun die beklemmende Reduzierung der Persönlichkeit eines undercover lebenden KGB-Agenten der als vorgeblicher Spanier anlässlich einer Konferenz in Russland unter keinen Umständen erkennen lassen darf, dass er Russisch spricht. Mit dem Verleugnen seiner Muttersprache grenzt er sozusagen sich selbst aus und wird zur fahlen, steifen Marionette.

Ich entdeckte bei mir leichte Aggressionen gegen das Serbischreden im Kurs. Obwohl ich von Anfang an gewusst habe, dass alles in dieser Sprache laufen würde. Die Vorbereitung war (meinetwegen, weil ich kein Wort „serbokroatisch“ verstehe) auf Deutsch gelaufen, nur manchmal „passierte“ ein kurzer Einschub in „serbokroatisch“ wenn sich Deki und Snezana auf eine spezifische Wortwahl einigen mußten weil Serben und Kroaten für manche Begriffe unterschiedliche Bezeichnungen haben. Von Snezanas Skripten habe ich die deutsche Fassung bekommen, für die Teilnehmer sind sie einsprachig

 

Der Projektpartner Deki strahlte immer Freude aus, wenn ich mit „dobre dan“ grüßte, wenn ich hvala und molim richtig anwendete – dies sehe ich nun in einem anderen Licht als vor dem Kurs. Ich signalisierte nicht nur dass ich seine Sprache lernen möchte sondern ich unterbrach, wenn auch nur für kurze Zeit, für ihn die ununterbrochen vorhandene deutschsprachige Umgebung.

Das T-Shirt-level „Vait und brait fällt mir ein und der Untertitel „Sichtbarmachung der Zweisprachigkeit“ von Goran und die Stelle aus seinem Radio Interview im Sommer 2011 als er über die Freundschaft mit einem Künstler aus Serbien berichtete den er erst in Wien kennengelernt hat. Mit dem er aber, wenn die Familien mit den Kindern einander besuchen, ein Erlebnis hat wie er es sonst nicht kennt: er kommt sich vor wie in einem Kaffeehaus in Belgrad.

Und ich sehe auch die Aktion der lautsprachlichen T-shirts in einem anderen Licht als bisher. Sie ist nicht nur skurril-lustig, sie ist der Versuch, die fremde öffentliche Sprachumgebung zu durchbrechen.  Möglichst viele  lautschriftliche Wörter auf der Straße, in der U-Bahn, am Gang, im Büro usw. verweisen auf den eigenen Sprachraum. Es ist der Versuch, die herrschende Unsichtbarkeit der Tatsache aufzuheben, dass serbokroatisch die in Wien am zweithäufigsten gesprochene Sprache ist. Es ist eine Art  Emanzipation von sprachlicher Unterdrückung.  zustimmende und ablehnende Reaktionen von Medien, Passanten und Politikern zeigen, dass damit ein Tabu gebrochen wird.2)

Ein Gedicht fällt mir ein in dem ein jüdischer Emigrant schreibt: Es ist nicht Heimweh das ich leide und das mir im Herzen brennt, ---- es ist nur, dass mich keiner kennt…“.

Alfred, als Österreicher seit mehr als zwanzig Jahren in Frankreich lebend, kennt das gut: „als Erwachsener, sagen wir als Dreissig-Vierzigjähriger, hat man die Jahre hinter sich, wo man mit Gleichgesinnten nächte- und tagelang Weltentwürfe ausspinnt, unkompliziert an der Wohnungstür klingelt und auf einen Kaffee hereingeschneit kommt, Beziehungen auf- und abbaut (in der linken und alternativen Wohngemeinschaftskultur wurde das sehr emsig betrieben). Im Land der fremden Sprache gelandet, mit vierzig, war das alles nicht mehr zu machen. Und das gibt den Beziehungen, die ich hier aufgebaut habe, einfach nicht die Vertrautheit und den spezifischen Reichtum, was wiederum die Möglichkeiten beschränkt, sich sprachlich darüber auszulassen, sei es nun zum gegenseitigen Ergötzen oder zur selbsterforschenden nachträglichen Analyse.“

Als ich einem Wiener Bekannten über unser Projekt der Integrationshilfe für ältere MigrantInnen erzählte, war er zu meinem Erstaunen sehr skeptisch  - „unsere Pensionisten und Ihre Pensionisten, die wollen nichts miteinander zu tun haben“. Meinen Hinweis, dass ich ihn bisher für einen der gegenseitigen Begegnung aufgeschlossen gegenüberstehenden Wiener eingeschätzt habe, meint er: „ Das ist kein Problem von Wien und seinen Migranten. Das ist ein allgemein menschliches Problem.“ Und zur Stützung dieser Aussage erzählte er von seinem Onkel, der in den Vierzigerjahren mit fünf Söhnen nach Australien ausgewandert ist. Jeder dieser Cousins hat eine Familie gegründet, deren Kinder haben wiederum geheiratet und Kinder bekommen. Aber erst in der Generation seiner Enkelkinder – also in der Urenkelgeneration des Auswanderervaters hat die erste Heirat mit einem englischsprachigen Australier stattgefunden. Vorher haben alle deutschsprachige Partner geheiratet. Weil es nicht so viele Österreicher in Australien gibt, haben sie Deutsche und Schweizer geheiratet aber keinen „echten“ Australier. Und in der Verwandtschaft sprechen sie alle selbstverständlich deutsch, im öffentlichen Raum  Englisch wie die Muttersprachler.

Mich beschäftigte meine Irritierung sehr und ich berichtete meinen TeamkollegInnen, einigen Freunden und Alfred Knapp der im Verband Wiener Volksbildung Fachgruppenleiter für Romanische Sprachen war und seit nunmehr zwanzig Jahren in Frankreich lebt, davon.

Um zu erklären, worum es mir ging fiel mir das Lied von Georg Kreissler ein: „Ich fühl mich nicht zu Hause“. Da gibt es eine Stelle: „ Ich ging in meine wahre Heimat, Israel. Nur das war nebbich gar nicht schlau, da gibt mir niemand an Kredit  … und alle reden nur Ivrit!! Ich fühl mich nicht zu Hause, zu Hause, zu Hause……………“

Mir war die „fremde Muttersprache“ als Phänomen aufgefallen,  Alfred hat da andere Assoziationen. In seinem mail auf meine Fragen schreibt er: „Ich weiß nicht, ob Kreissler nur an Bankkredite gedacht hat, aber was mir im Land meiner Nicht-Muttersprache vor allem in den ersten Jahren, als ewig neue Hürde in den Weg kam, war dieser Mangel an Kreditwürdigkeit, und zwar auf der persönlich historischen Seite. In Österreich hatte ich meine Geschichte, beruflich, politisch, persönlich ... X-Leute kannten mich von verschiedensten Seiten her und ich hatte damit so etwas wie eine Kreditwürdigkeit, die mir leicht neue Türen aufmachte (und manche auch verschloss). Hier war ich in den ersten Jahren einfach nur jemand, bei dem die meisten schon beim Namen nachfragen mussten, weil sie glaubten, nicht richtig gehört zu haben. Und nicht zuletzt wurde es am Bankschalter klar. Wenn ich an den Schalter in der Zentralsparkasse trat und mit „Guten Tag Herr Doktor“ begrüßt wurde (und natürlich auch mein Konto gut gefüttert war), war das eben was anderes als hier beim Credit Lyonnais, wo mich - vor allem in den ersten Jahren - nach der Hürde der Namensbuchstabierung die zweite, die des bisweilen überzogenen Kontos erwartete.“ 3)

Während der vier „serbokroatischen“ Nachmittage unseres Projektes habe ich mich einfach nicht zu Hause gefühlt und war froh, wenigstens am letzten Abend wieder „da“ zu sein.

Die Frage an meine Freunde war:
„Da war ich vier mal drei Stunden in  einer unbekannten Sprache und es war mir schon zu viel, ich freute mich aufs Deutsche. Ihr habt aber ununterbrochen den fremden Klang als umgebenden Sprachraum -  wie geht es euch damit?“

Ivo und Snezana denken nach. Ivo ist erstaunt als ich ihm rückmelde, dass er mir im Kurs anders vorgekommen sei im Vergleich zu den ungezählten malen wo wir privat zusammengesessen sind, manchmal auch gemeinsam mit seinen und meinen Kindern und wir uns - für mich ungefragt selbstverständlich – auf Deutsch unterhalten haben. Ich kann es gar nicht exakt beschreiben, aber irgendwie wirkte er in der Muttersprache lockerer, sorgloser, entspannter und kompetenter,….

Snezana erzählt, dass sie in Ihrem Betrieb eine Kollegin hat zu der sie große Nähe fühlt und dass sie immer wieder versucht ist, sie auf kroatisch anzureden obwohl sie als „eingeborene“ Wienerin deutschsprachig ist.

Auch Goran erzählt, dass ihn seine besten Freunde oft konsterniert anschauen weil er sie auf serbisch anredet…und dann schaltet er schnell auf die richtige Sprachschiene um. Sie stehen ihm so nahe, daß die Muttersprache angebrachter wäre als die für ihn zweite Umgangssprache, die die einzige ist die er mit seinen Freunden teilt.

Dieses Phänomen der Koppelung persönlicher Nähe mit der Muttersprache gibt es auch in umgekehrter Richtung:

Ein seit mehr als zwanzig Jahren in Wien lebender Wissenschafter aus dem Iran, dessen Sohn zweisprachig ist, erwidert mir als ich ihm von meiner „Spracherkenntnis“ erzähle, dass er sich seinem Sohn gegenüber fremd fühlt, wenn sie miteinander  Deutsch statt Persisch sprechen. Sozusagen weiß er gar nicht, mit wem er da spricht. Die für den Vater zweite Sprache verfremdet die Beziehung zwischen ihm und seinem Sohn.

Hiezu ein weiteres „literarisches“ Beispiel: Asfa-Wossen Asserate hatte seit 1955 die deutsche Schule in Addis Abeba besucht hat und lebt nun schon weit länger in Deutschland als in seinem Geburtsland Äthiopien. Er schreibt „Worin der Charakter des deutschen nun genau besteht, will und kann ich in wenigen Worten nicht sagen, aber ich fühle bis heute, dass ich eine andere Wesensart annehme wenn ich deutsch spreche“. („Manieren“ Seite 10) 4)

Alfred fällt dazu ein: „Insofern ich des Französischen einigermaßen mächtig bin (auch wenn ich mich darin keineswegs so daheim fühl wie im Deutschen), hab ich im Alltag eigentlich selten das Gefühl, dass mir was fehlt. Aber dass mir doch etwas abgeht, das merk ich wenn ich auf österreichische Menschen treffe, mit denen mich ein Mindestmaß an Sympathie und gemeinsamem Humor verbindet. In der steirischen oder wienernden Ursuppe zu waten und zu pantschen ist einfach ein Glücksgefühl, dem nichts gleichkommt.“

Ana meint nachdenklich, dass sie sich in der deutschen Sprache langsamer ausdrückt wie auf serbisch, weil sie überlegen muß, welches Wort das was sie meint, richtig ausdrückt während sie in Serbisch nicht nachdenkt, sondern einfach die richtigen Worte kommen beim Reden. Insgesamt aber ist für sie jede neue Sprache ein Gewinn, am liebsten würde sie alle Sprachen der Welt können.5)

 Außerdem meint sie, dass Sprache schließlich nicht die einzige Art zu kommunizieren sei und dass Vieles auf anderen Ebenen möglich ist, wo die Sprache versagt.  Sicherlich ist es kein Zufall, dass dies ausgerechnet ihr das dazu einfällt, sie ist akademische Malerin und Objektkünstlerin.

Alfred stimmt dem voll zu: „Tiere kommunizieren fantastisch und sehr effizient miteinander, ohne die Mechanismen der menschlichen Sprache zu benützen. Und die nichtsprachlichen Mittel zu kommunizieren sind  in bezug auf wesentliche Funktionen des (Zusammen)-Lebens in den meisten Fällen effizienter als die Sprache, nämlich, Sympathie herstellen oder zerstören, Nähe aufbauen oder zerstören usw.“

Das Phänomen „Fremd in der Sprache“  lässt mich nicht los weil ich mich Einwanderern gegenüber als offen und bewillkommnend verstehe und ich das beschriebene Gefühl der leicht aggressiven Abwehr dem fremden Sprachklang gegenüber auch als beschämend erlebe. Und ich komme mir hilflos vor und schäme mich wenn ich in der U-Bahn erlebe, wie missbilligend Wiener auf „Ausländer“ blicken, die in einer Fremdsprache reden, weil „bei uns wird deutsch g´redt!“.

Je mehr ich dazu recherchiere umso mehr wird mir klar, dass „Fremdsein in der Sprache“ ein gut belegtes Phänomen ist das nur diejenigen nicht kennen, die sich ausschließlich im eigenen Sprachraum der indigenen Mehrheitsbevölkerung bewegen. Ohne das gemeinsame Durchführen der Vortragsreihe in einer Sprache die mir völlig unzugängig, für die anderen aber die Muttersprache ist, hätte ich über die beschriebenen Phänomene nicht einmal nachdenken, geschweige denn sie zum Thema machen können.

Weiterführende Infos zu einzelnen Angaben im Text:

 

2)  http://vajtundbrajt.com

1) http://de.wikipedia.org/wiki/Jorge_Sempr%C3%BAn

 4) facebook: ana jelenkovic

 3) Asfa-Wossen Asferate: Manieren. Frankfurt/Main 2003, ISBN 3-8218-4739-5

 5) Alfred Knapp: http://soundcloud.com/alfred-5